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Amazonien. Stadt - Land - Fluss

Das größte zusammenhängende Regenwaldgebiet der Erde zwischen Schutz und Nutzung

Herausgegeben von:
Aktionsgemeinschaft Solidarische Welt e. V. (ASW)
Fórum da Amazônia Oriental (FAOR)
Forschungs- und Dokumentationszentrum Chile-Lateinamerika e.V. (FDCL)

Berlin, 2009

ISBN-13: 978-3-923020-45-4

Diese Publikation wurde gefördert von InWent mit Mitteln des BMZ und durch die Stiftung Umverteilen! Die Verantwortung für die hier vertretenen Positionen liegt ausschließlich bei den AutorInnen.

 

 

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Amazonien - Das größte zusammenhängende Regenwaldgebiet zwischen Schutz und Nutzung

Das Amazonasgebiet, das größte zusammenhängende Waldgebiet der Erde, muss geschützt und erhalten werden – darüber besteht zumindest den Worten nach Einigkeit. (Fast) alle wollen die Biodiversität der Region, den Wald als „Lunge der Welt“ oder das riesige Flußsystem als größtes Süßwasserreservoir erhalten. Doch wie sieht die Handlungspraxis der verschiedenen das Amazonasgebiet nutzenden Akteure aus? Wer sind diese Akteure, was sind ihre Interessen?


Das acht Millionen Quadratkilometer große Gebiet verteilt sich über neun Staaten: Brasilien, Französisch-Guayana, Surinam, Guyana, Venezuela, Kolumbien, Ecuador, Peru und Bolivien. Den größten Anteil an Amazonien hat Brasilien, deshalb liegt in dieser Broschüre der Schwerpunkt auch auf diesem Land. Und wenn von 'Amazonien' die Rede ist, sollte nicht übersehen werden, dass es weniger ein Amazonien, als vielmehr viele Amazonien gibt. Dies aufzuzeigen, ist eines der Hauptanliegen dieser Broschüre.


Hierzulande erscheint Amazonien in den Medien eigentlich immer nur dann, wenn es um die neuesten Daten zur Abholzung des Waldes geht. Diese sind in der Tat erschreckend: Allein in Brasilien wurden in den letzten 40 Jahren schätzungsweise 17 Prozent des Amazonasregenwaldes vernichtet. Schätzungsweise, denn ganz genau weiß das niemand - trotz aller moderner Satellitentechnik.


Bis Ende dieses Jahres sollen die internationalen Verhandlungen über Klimaschutz abgeschlossen werden: Im Dezember soll in Kopenhagen ein Nachfolge- Abkommen getroffen werden für das 2012 auslaufende Kyoto-Protokoll. Einer der dort verhandelten Punkte ist die Frage von Klimaschutz durch Waldschutz - und die Bewahrung  Amazoniens und seiner Wälder wird dabei stets und nicht zuletzt wegen seiner schieren Größe betont. In den Diskussionen wird gestritten um CO2-Speicher und Tropenwaldschutzfinanzierung, um Fonds-  oder Steuerlösung, es wird debattiert um Finanzierung und Kontrolle, um Souveränität und Einmischung. Doch bei aller Einsicht in die Notwendigkeit, Amazonien zu schützen, gilt auch: Anrainerstaaten wollen die Region wirtschaftlich entwickeln. Entwicklung ist unbestritten ein legitimes Interesse – doch diese Entwicklung gerät oft genug in Konflikt mit den angestammten BewohnerInnen Amazoniens, die auf das intakte Ökosystem angewiesen sind. Amazonien nutzen – das wollen viele: Viehfarmer wollen Weideland für die Viehzucht, und Sojabarone lassen die Sojafront in Amazonien immer weiter voranschreiten. Nicht selten werden dabei Landkonflikte mit der Waffe ausgetragen - die angeheuerten pistoleiros ebenso wie die Auftraggeber bleiben meist straflos. Das staatliche Gewaltmonopol scheint brüchig, wenn in einigen Regionen überhaupt existent. UnternehmerInnen und Staat drängen auf den Ausbau der Infrastruktur, auf vermehrten Rohstoffabbau und setzen vielerorts in Amazonien massiv auf Staudammbau zur Energiegewinnung. Kleinbäuerinnen und -bauern wollen ihre Landparzellen behalten, Indigene, Nuss- und GummisammlerInnen wünschen den Erhalt des Waldes, um davon zu leben. Last but not least planen Industrienationen, den Wald zu schützen, um dafür selbst weniger Kohlendioxid einsparen zu müssen.


Nicht zuletzt leben und arbeiten in dem über acht Millionen Quadratkilometer großen Gebiet rund 22 Millionen Menschen, die unterschiedlicher kaum sein könnten: Indigene und StadtbewohnerInnen, HolzfällerInnen und FlußanwohnerInnen, KautschukzapferInnen und Konzernangestellte, KleinbäuerInnen und GroßgrundbesitzerInnen, ebenso wie Tagelöhner und in Schuldknechtschaft gehaltene LandarbeiterInnen. Wer hat welche Ideen und Vorstellungen von Amazonien? Welche Interessen geraten miteinander in Konflikt? Wie werden diese ausgetragen? Welche politischen Strukturen gibt es, und wie verhalten sich diese zueinander – lokal, regional und international? Welche Entwicklungswege und -optionen stellt sich die dort lebende Bevölkerung vor, was erwarten und erhoffen sich die BewohnerInnen der Region? Kann der Markt den Wald retten – oder bewirkt er das genaue Gegenteil? Welche Konsequenzen zeitigt die Nutzung Amazoniens im Hinblick auf Respekt, Schutz und Gewährleistung der Menschenrechte der lokalen BewohnerInnen? - Kurzum: Steckt Amazonien in der Klemme zwischen Schutz und Nutzung? Und: Welche sind die oftmals ganz eigenen Möglichkeiten und Strategien der in Amazonien lebenden Menschen, um den Schutz, die Nutzung und Entwicklung ihres Lebensraums zu verbinden?

// Christian Russau, Claudia Fix, Janina Budi, Tina Kleiber

Viel Spaß beim Lesen wünschen ASW, FAOR und FDCL !

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Inhalt

Einleitung

Amazonien: Stadt, Land, Fluss
Das größte zusammenhängende Regenwaldgebiet der Erde zwischen Schutz und Nutzung



Kapitel 1: Leben in Amazonien


Amazonien ist nicht nur Wald!
Urbanität und Zivilgesellschaft
Guilherme Carvalho, Aldebaran Moura, João Gomes, Catia Magalhães

Wie's in den Wald hinein ruft, so schallt's auch heraus?
Kommunikation in Amazonien
Janina Budi

Sammelgebiete für Amazoniens Flussanwohner: archaisch oder zukunftsweisend?

Tina Kleiber

„Babaçu ist unser Leben!“
Die Bewegung der Babaçu-Nussknackerinnen fordert wirtschaftliches und ökologisches Umdenken
Tina Kleiber

„Dieser Kampf ist nicht einfach, aber er muß sein!“
Im Gespräch: Maria Adelina de Sousa Chagas, Koordinatorin der Bewegung der Babaçu-Nussknackerinnen MIQCB
Hermann Klinger

Chico Mendes – Kautschukzapfer, Widerstandskämpfer, Umweltschützer
Ein Portrait
Cindy Völler, Verena Ramos

Vom Sklaven zum Umweltschützer
Veränderte Wirtschaftsweisen der Kautschukzapfer Amazoniens
Cindy Völler

COICA
Koordination der indigenen Organisationen des Amazonas-Beckens
Klima-Bündnis der europäischen Städte mit indigenen Völkern der Regenwälder
Erklärung vom Weltsozialforum 2009 in Belém (Brasilien)

„Wir wollen politische Autonomie“
Interview mit Almir Suruí, Direktor der Umweltabteilung der Indigenen Organisationen des brasilianischen Amazonasgebiets (COIAB)
Dominik Zimmer

„Das ist denen zu politisch“
Der Anthropologe Mac Chapin über die schwierige Beziehung zwischen großen Naturschutzorganisationen und indigenen Gruppen
Christian Russau

Entscheidung zu „Raposa Serra do Sol“
Indigenes Gebiet in Nordbrasilien an der Grenze zu Venezuela und Guyana anerkannt
Kurt Damm


Militärs im Wald
Amazonien wird in Brasilien zunehmend als Frage der nationalen Sicherheit betrachtet
Anne Schnieders, Thomas Fatheuer

 


Kapitel 2: Land und Recht

Auf dem reichen Auge blind
Landkonflikte, Rechtsstaatlichkeit und der Fall Dorothy Stang
Benjamin Bunk

Modernes Mittelalter
Im brasilianischen Teil Amazoniens gab es noch nie ein öffentliches Gewaltmonopol
Thilo F. Papacek

Die Dynamik der Landfrage im Bundesstaat Pará
Landkonflikte in Amazonien
Justiça Global (Hrsg.)

Terra do Meio
Das Elend der Modernisierung
Justiça Global (Hrsg.)

Überleben durch Anpassung

Kautschukzapfer im amazonischen Regenwald
Verena Ramos

 

Kapitel 3: Konflikte um Inwertsetzung

Infrastruktur im Dienste des Großkapitals
Wie mit internationalen Programmen Amazonien in die Weltwirtschaft integriert werden soll
Igor Fuser

Rindviecher essen Regenwald auf
Die Viehwirtschaft als Verursacherin der Regenwaldzerstörung rückt wieder stärker in den Blickpunkt
Thomas Fatheuer

Soja in Santarém
Vom traditionellen Landbau zum Profit von US-Firmen
Kim Weidenberg, Kirsten Bredenbeck

„Die Sojabauern müssen sich grün waschen“
Interview mit Brenda Baletti zur Sojaproduktion in der Region um Santarém
Kim Weidenberg

Kein Zuckerrohr in Amazonien?

Die Debatte um Regenwaldrodung und Zuckerrohr geht weiter - die Regierung leugnet Tatsachen
Christian Russau

Auf der Suche nach „Eldorado“ - der Goldenen Stadt
Bergbau in Amazonien
Angélica Kuhn, Marcelo Netto Rodrigues

„Bei uns bleibt der Dreck“
Aluminium vom Amazonas
Cornelia Girndt

Viel Land, viel Streit
Über die Front der fossilen Rohstoffindustrie im Amazonasgebiet von Peru
Mathias Hohmann

„Diese Havarie war vorhersehbar – und die WestLB schweigt“
Interview mit Klaus Schenck von »Rettet den Regenwald e.V.«
Michael Schulze von Glaßer

„Wir müssen Belo Monte unbedingt verhindern“

Ein Interview mit Antonia Melo von der Stiftung Leben, Produzieren und Schützen
Tina Kleiber

Wasser am Amazonas

Die Privatisierung der Wasserversorgung ist auch in Manaus ein Spiegel sozialer Ungerechtigkeit
Kim Weidenberg

„Frauen leben täglich mit dem Mangel an Wasser“
Interview mit Graciela Rodriguez vom Instituto EQÜIT
Kim Weidenberg

„Wir brauchen ein anderes, neues Entwicklungsmodell“
Der Soziologe Luís Fernando Novoa Garzon im Gespräch
Kim Weidenberg

 

Kapitel 4: Wald, Umwelt, Klima – und Solidarität

Brasilien: Regierungsmaßnahme MP 458 bestätigt Landräuber
Regierungsmaßnahmen und Inwertsetzung Amazoniens
Kirsten Bredenbeck

Rettet der Markt den Wald?
Die Debatte um Klimaschutz durch Waldschutz soll in einem neuen System festgelegt werden
Thomas Fatheuer

Wird das Klima in Amazonien gerettet?
Tropenwälder in den internationalen Klimaverhandlungen
Thomas Fatheuer

Möglichkeiten des Klimabündnisses als Projekt kommunaler Nachhaltigkeit
Clarita Müller-Plantenberg

Rückgewinnung des gesellschaftlichen Naturbezuges

Deklaration des Internationalen Seminars von Imshausen, Februar 2009

„Es geht darum, den Erdölverbrauch zu reduzieren“
Esperanza Martínez von Oilwatch über die Aussichten, Ecuadors größtes Erdölvorkommen unberührt zu lassen
Ines Thomssen



Das Wassereinzugsgebiet des Amazonas (Übersichtskarte)

Fotonachweise

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